Vogtei

Die Grafen von Hirschberg – Domvögte zu Eichstätt

Die Begriffe Vogtei (advocatia) und Vogt (advocatus) gehören zu den bedeutendsten der mittelalterlichen Rechtsgeschichte.

Seit frühkarolingischer Zeit hatten Bischofskirchen und Klöster Vögte zu bestellen, die zumeist dem Hochadel entstammten. Zunächst vertraten diese Vogtherren die Kirchen und Klöster im Rechtsverkehr mit der Außenwelt, bevor sie später ebenfalls die hohe Gerichtsbarkeit über das auf den Kirchengütern lebende Volk übernahmen. Dadurch wurde der Klerus – gemäß dem Grundsatz „Die Kirche dürstet nicht nach Blut“ (ecclesia non sitit sanguinem) – von der Ausübung der (Blut)gerichtsbarkeit befreit.

Die ursprüngliche Schutzfunktion der Vögte entwickelte sich im Laufe weniger Jahrhunderte jedoch zu einem generellen Interventionsbelieben und Machtstreben, so daß ihre Funktion zunehmend nicht mehr als Schutz, sondern als Bedrückung empfunden wurde. Deshalb versuchten im 13. Jahrhundert fast alle Erzbischöfe und Bischöfe, die weltlichen Edel-Vögte durch die bischöfliche Gerichtsbarkeit auszuschalten (Entvogtung). Damit wurde die Schirmvogtei des Königs über die Reichskirche zwar nicht beseitigt; allerdings nahm man ihr die wesentlichen juristischen Eingriffsmöglichkeiten.

Die Grafen von Hirschberg waren Domvögte des Bistums Eichstätt, in Berching, Lauterhofen, Prüll, Schamhaupten, der Klöster Plankstetten, Kastl, Rebdorf, St. Walburg, St. Walden… und zeitweise sogar in Brixen (Südtirol). Darüber hinaus verfügten die Grafen von Hirschberg über zahlreiche erbliche Patronatsrechte. So zum Beispiel in Acha (Aha-Gunzenhausen), Dietkirchen, Dollnstein, Dornhausen, Erlbach, Eschenfelden, Haunstadt, Hirschau, Jettingsdorf, Lenting, Oening, Pleinfeld, Rudertshofen, Sollngriesbach, Stammham, Titting, Werde, Wettstetten und Winterzhofen.

Eichstätt

Das Bistum Eichstätt bekam bei der Gründung im Vergleich zu Würzburg oder Bamberg eine geringere Erstausstattung. Eine Wildbannschenkung Kaiser Heinrichs IV. von 1080 war nicht geeignet, eine Machtbasis gegenüber der territorialen Konkurrenz der Grafen von Hirschberg abzugeben. Seit dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts bemühten sich die Eichstätter Bischöfe in langwierigen Auseinandersetzungen mit den Grafen von Hirschberg als Vögten des Hochstifts um die Entvogtung des Stifts. Die Kontroversen begünstigten die eigenständige Entwicklung Eichstätts zur Stadt. Insgesamt erscheinen die Grafen von Hirschberg im 13. Jahrhundert gleichsam als Stadtherren von Eichstätt; die Stellung des Bischofs, des eigentlichen Stadtherrn, war demgegenüber bescheiden; die Einwohnerschaft und der Graf von Hirschberg einigten sich auf seine Kosten. 1296 schenkt Graf Gebhard VII. von Hirschberg dem Eichstätter Bischofsstuhl die Schirmvogtei über Eichstätt und Berching, welche seine Familie über Generationen inne hatte.

Aus dem Stammbaum der Grafen erkennt man bei der Domvogtei Eichstätt eine gewisse Observanz, welche in unterschiedlichen Vogteien (z.B. Tegernsee) dieser Zeit beobachten werden kann. So wurden aus zwei oder mehreren weltlichen Brüdern, welche Söhne eines Stiftsvogtes waren, nicht der ältere, sondern der nächstjüngere als Stiftsvogt aufgestellt, jedoch unter der Leitung des älteren Bruders, so lange der jüngere seine Vollmundschaft noch nicht besaß. Daher musste, wenn der jüngere Bruder vor dem älteren ohne Erben verstarb, die Vogtei wieder auf diesen zurückfallen. Im Bistum Eichstätt ist dieser Fall im 13. Jahrhundert dreimal eingetroffen.

Als Gebhard VI. 1245 noch in jungen Jahren und bei Lebzeiten seines Vaters Gebhard V. , die Vogtei des bischöflichen Stiftes Eichstätt übernahm, wird in der darüber gefertigten Urkunde gemeldet, dass auch sein Vater und sein Großvater Vögte des bischöflichen Stiftes Eichstätt waren, und hiermit kommt man rückwärts bis zum zweiten weltlichen Sohne der Gräfin Sophia von Grögling-Dollnstein aus dem Hause Sulzbach, welcher ebenfalls Gebhard hieß, und zwei Söhne, Gerhard III. und Gebhard V., hatte.

Graf Hartwigs II. Söhne waren Gerhard I. und Gebhard II. Aus der Ordnung, wie sie in Urkunden der Jahre 1155 und 1166 stehen, kann man erkennen, dass Gebhard der jüngere Bruder war. Selten kommt Gebhard in Urkunden vor. Er ist als Domvogt von Eichstätt nur 1152 und 1158 bezeugt. Später findet man ihn nirgends. Wohl aber seinen älteren Bruder Gerhard, benannt nach Grögling und Dollnstein. Er erscheint unmittelbar nach des Vaters Tode (~ 1140), 1143 bis gegen das Jahr 1150 als Domvogt von Eichstätt. Erst später, ab 1160 tritt er wieder als Domvogt in Erscheinung. Daraus kann man schließen, dass Graf Gebhard, als der jüngere Bruder, bei dem Tode seines Vaters noch nicht Volljährig war und daher in der Domvogtei von seinem älteren Bruder Graf Gerhard mehrere Jahre vertreten wurde. Daher kann davon ausgegangen werden, dass der jüngere Bruder Gebhard um das Jahr 1160, ohne Leibeserben, vielleicht noch unvermählt, verstorben ist. Die Vogtei und die Stammgüter erbte Graf Gerhard I.

Das Todesjahr von Graf Gerhard I. kann man nicht mit Bestimmtheit angeben. Es könnte aber durchaus sein, dass er derjenige Graf Gerhard, Domvogt von Eichstätt, ist, welcher noch 1188 lebte und als solcher eine Urkunde des Bischofs Otto von Eichstätt bezeugt. Die Ursache könnte darin liegen, dass von seinen 1179 schon erwachsenen Söhnen, ihm nicht der ältere und gleichnamige, sondern der jüngere Gebhard, in der Domvogtei nachfolgte.

Graf Gerhard II. hatte drei Söhne: Gerhard, Hartwig und Gebhard. Der älteste und jüngste wurden Grafen. Sie kommen in dieser Ordnung genannt in einer Urkunde des Herzogs Friedrich von Schwaben vom 2. April 1188 vor. In Angelegenheiten der Vogtei steht jedoch Gebhard vor dem älteren Gerhard.

Kloster Plankstetten

Schon 1129 war unter Bischof Gebhard II. (1125-1149) die Gründung des Benediktinerklosters Plankstetten durch die Grafen von Grögling erfolgt, denen auch der Bischof angehörte. Das Kloster wurde Hauskloster der Hirschberger.

Graf Ernst IV. von Grögling, Bruder des Bischofs Gebhard II. und des Vogtes Hartwig, gründet das bischöfliche Benediktinerkloster Plankstetten; zu den Dotierungsgütern gehörten die drei Dörfer an der Schwarzach Pretzabruck, Zilchenricht und Traunricht.

Probstei Illschwang

Vogtei der Güter des Klosters Reichenbach um Illschwang halten die Grafen von Hirschberg inne. Diese hatten die Vogtei an die Schenken von Reicheneck und zeitweise an das Kloster selbst verpfändet. Die Vogtei kam durch die sulzbachische Erbtochter Sophia an den Grafen von Hirschberg.

Kloster Rebdorf

Gegründet wurde das Augustinerkloster Rebdorf im Jahr 1156, dessen Örtlichkeit Kaiser Friedrich I. als Reichsgut dem Bischof schenkte

Graf Gebhard von Hirschberg, der Schutzvogt des Klosters, hatte (am 27. September 1296) das Kloster Rebdorf reich beschenkt. Am immerwährenden jahrtag für ihn und seine Vorfahren sollten Almosen im Wert von 50 Pfund Haller verteilt werden. Die Zahl der Priester war um fünf auf 15 aufgestockt worden, einer sollte an einzelnen Tagen am Kreuzaltar für die Verstorbenen zelebrieren, die übrigen vier an den benachbarten Altären. An einzelnen Sonntagen sollte nach der Vesper das Placebo und am nächsten Montag vor der Messe am Kreuzaltar die Totenvigil gebetet werden.

Kloster Kastl

Das Kloster Kastel war allzeit bestrebt, seinen Güterbesitz zu arrondieren. Das geht aus den Tauschverträgen mit anderen Klöstern hervor.

Reiche Besitzungen konnte das Kloster aus dem Erbe der Suzbacher Grafen erwerben, das zum einen Teil die Grafen von Hirschberg, zu einen anderen Teil die Schenken zu Reicheneck erhalten hatten. So schenkte der letzte Hirschberger, Graf Gebhard, dem Kloster „aus seinem Eigengut!“ (es war ursprüngliches Königsgut gewesen, welches zum Besitz der Hirschberger übergegangen war) den Kirchensatz und die Vogtei zu Dietkirchen, Hirschau bei Amberg und Eschenfelden bei Sulzbach, außerdem sein ganzes Eigen zu Lauterhofen mit Gericht und Vogtei sowie Mühlbausen nordöstlich von Neumarkt und drei Huben zu Umelsdorf samt dem Meierhof und die Aumühle.

Als erste Erbvögte von Kastl dürfen wir wohl die Mitstifter von Kastl, die Grafen von Sulzbach betrachten. Als weitere Stifterin wird 1102 eine Leucarda comitissa genannt, welche die Gräfin Liutgard, die Gemahlin von Ernst III. zu sein scheint.

Nach deren Aussterben erhielten die Erben der Sulzbacher, die Hirschberger, die Erb- und Kastvogtei. Dem Kloster Kastl gelang es letztendlich nicht, die Erbvogtei abzuschütteln, war doch der Vogt auch Inhaber der weltlichen Obrigkeit, so daß das Stift durch die Vogtei in das Herrschaftsgebiet des Vogtes eingegliedert war. In der Zeit der staufischen Reichspolitik versuchte auch Kastl in den Stand einer Reichsvogtei aufzusteigen.

So nahm Kaiser Friedrich Barbarossa am 23.06.1165 das Kloster und dessen Güter in seinen besonderen kaiserlichen Schutz. Auch Friedrich II. bestätigte Kastl den Reichsschutz in einer Urkunde vom 24.05.1219, wobei er zudem versprach, die Vogtei auch nicht teilweise zu verleihen. Die Vögte sollten im Namen des Kaisers amtieren, doch sollten sie auf Wunsch des Abtes wieder abgesetzt werden können. Da der Kaiser den Vogt als einen Stellvertreter einsetzte, war praktisch die Freiheit der Vogtwahl damit aufgegeben. Damit hatte das Stift den Weg vom päpstlichen Eigenkloster zum ständischen Reichskloster angetreten, ohne das gesetzte Ziel letztendlich zu erreichen. Grundsätzlich bedeutete es allerdings eine Befreiung von der Erbvogtei der Hirschberger und war ein Schlag des Reiches gegen die Territorialpolitik des mächtigen Geschlechtes…

Die Hirschberger verblieben aber bis zu ihrem Aussterben im Besitze der Vogtei über Kastl, wenn auch besonders betont wurde, dass diese Vogtei „Reichsvogtei“ war. So heißt es im Nürnberger Reichssalbüchlein (1281-1297) bei den Gütern „die zue dem Reich gehorent“ unter Nr. 14: Der Graf von Hirschberg hat auch deu vogtay inne zu Kastel, deu des reiches ist, der auch schone guet geneuzzet.

Nach dem Tode des letzten Hirschbergers bestätigte am 09.03.1305 König Albrecht die Privilegien Kaiser Friedrichs für das Kloster Kastl.

Die bayerischen Pfalzgrafen tauschten mit dem Kloster am 27.05.1308 das Gericht zu Lauterhofen gegen einen Hof zu Wolfersdorf und ein Gut zu Engelsberg ein (welche sie wahrscheinlich aus dem Hirschberger Erbe erhalten hatten).